Wim Wenders - Der Himmel über Berlin, die Berlinale und die Oscars

Wim Wenders - Der Himmel über Berlin, die Berlinale und die Oscars



Eigentlich befinden wir uns thematisch in diesem Monat noch in London. Aber besondere Ereignisse bedürfen auch mal einer Ausnahme. Und dieses Ereignis ereignete sich am 15. Januar 2015, gegen 15 Uhr:

Wim Wenders, Regisseur und ausgemachter Experte für Stilvolles hinter der Film- aber auch der Fotokamera, ist zum zweiten Mal mit einem Werk für einen Oscar nominiert:

salz der erde

"Das Salz der Erde" ist der Titel einer beeindruckenden Dokumentation über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, den die weltbekannte Academy in das Finale um den "Besten Dokumentationsfilm" wählte. Am 22. Februar weiß die Welt, ob auch die finale Entscheidung für Wim Wenders und sein wieder einmal mit Liebe bis ins kleinste Detail gefilmtes Dokumentationskunstwerk fällt.  Wäre es verdient? Wir sagen ja - nicht nur wegen bewegender Wenders-Wochen in Berlin ab Anfang Februar, dazu später aber mehr.

"Er verbringt Zeit mit den Menschen, die er fotografiert."

Denn sind wir zu Beginn ganz ehrlich: Wer nicht gerade ein ausgewiesener Anhänger der Fotokunst ist, dem sagte Sebastião Salgado bis in den Oktober des vergangenen Jahres wohl eher weniger. Einzelne Motive, oh ja, aber die kaum fassbare Größe seines Schaffens? Auch mit unserem Lebensumfeld, dem hochwertigsten Interior Design aus aller Welt, hat Salgado keinen Überschneidungspunkt, dokumentiert er doch vor allem die Veränderung der Welt und der Menschheit, was leider allzu oft mit Kriegen, Hungersnöten und auch Elend einhergeht.

Was Salgado für uns dennoch zu einer Art ganz eigenem Designer macht: Seine kunstvolle Art, genau diese schweren Themen in Szene zu setzen. Nicht künstlerisch verklärt, aber mit einer Hingebung geradezu "designt", wie sie auch jeder Erschaffende eines Möbelstücks oder eines Kunstwerks an den Tag legen muss, um einen bleibenden Wert mit seinem Werk zu bewirken.

"Wenn man Armut und Leid fotografiert, hat man eine bestimmte Verantwortung gegenüber seinen Protagonisten. Man darf vor allem nicht zu einem Voyeur werden. Das ist nicht einfach. Das kann man nur erreichen, indem man eine enge Beziehung mit den Menschen vor der Kamera aufbaut, wenn man tief in ihr Leben und ihre Situation eintaucht. Nur wenige Fotografen nehmen sich dafür die Zeit. Die meisten kommen irgendwo an, schießen ein paar Fotos und verschwinden schnell wieder. Sebastião hat eine andere Herangehensweise. Er verbringt Zeit mit den Menschen, die er fotografiert. Um ihre Situation zu verstehen, teilt er ihr Leben so gut wie möglich. Und er hat ein Mitgefühl für sie. Er arbeitet für diese Menschen und gibt ihnen eine Stimme," formuliert es Wenders treffend.

Wim Wenders

Quellennachweis für das WW Bild: Andrea Raffin / Shutterstock.com

Der deutsche Regisseur, selbst als Fotograf leidenschaftlich wie erfolgreich tätig, begleitete diesen Fänger der Augenblicke bei seinen Arbeiten auf allen Kontinenten - zusammen mit Salgados Sohn Juliano Ribeiro, der bereits seit vielen Jahren seinen Vater den Fotografen mit der Filmkamera begleitet - und fand nach der Sichtung von unzählbaren Stunden an bestehendem Material und neuen intensiven Szenen das "Salz der Erde". Was dies ist? Diese Erkenntnis gibt es nur im Kino.

Vom Himmel über Berlin zur Hommage der Berlinale

Für uns ist dieser Film seit "Der Himmel über Berlin" der mit Abstand stärkste von Wim Wenders - wenn auch keine leichte Kost. Kein Vergleich zu "Buena Vista Social Club", der direkt in die Tanzmuskulatur ging. Dieses Meisterwerk geht in den Kopf. Und bewegt dort lange Zeit.

himmel ueber berlin

Eben genauso wie "Der Himmel über Berlin", als zwei Engel als Beobachter nach Berlin kommen und nicht ins Leben der Menschen eingreifen können (wie ein Fotograf), aber ihnen neuen Lebensmut einflößen können (wie ein bewegendes Fotomotiv den Betrachter).

Wie auch immer die Entscheidung um die goldene Oscar-Trophäe ausfällt, Wim Wenders wird im Februar oft beglückwünscht werden - und zwar in unserer Heimat Berlin: Bei der Berlinale 2015 erhält er für sein "genreübergreifendes und vielseitiges Werk als Filmemacher, Fotograf und Autor", so die Berlinale-Jury, den Goldenen Ehrenbären.

Einher geht die Ehre mit einer Hommage für Cineasten: 10 Spiel- und Dokumentationsfilme von Wim Wenders laufen im Festivalprogramm. Der Himmel in Berlin für alle Wenders-Fans.